Es gibt Tage, an denen ein Ausflug ins Museum einfach nur ein Ausflug ins Museum ist. Und dann gibt es den 11. August 2026. An diesem Dienstag führte der Rhein bei Düsseldorf so wenig Wasser wie kaum jemals zuvor seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Rheinwiesen lagen breit, staubig und braun verdörrt in der Sommerhitze. Wer an diesem Abend im obersten Geschoss des Schlossturms stand, blickte auf einen Fluss, der sich klein gemacht hatte. Genau dort, im SchifffahrtMuseum Düsseldorf, hatte der neue Präsident des Lions Club Düsseldorf Barbarossa, Josef Nagel, seine Clubfreundinnen und Clubfreunde zu einer individuellen Führung eingeladen. Ein besseres Timing hätte niemand planen können. Man kann über die Geschichte der Rheinschifffahrt viele kluge Sätze sagen. Man kann sie aber auch einfach aus dem Fenster betrachten.
Der Schlossturm: Düsseldorfs Wahrzeichen und letzter Zeuge einer Residenz

Wer über den Burgplatz schlendert, nimmt den runden Turm am Rheinufer meist als hübsche Postkartenkulisse wahr. Tatsächlich ist er der letzte oberirdisch erhaltene Rest des Düsseldorfer Residenzschlosses und damit ein Stück Stadtgeschichte, das buchstäblich alles überstanden hat.
Von der Wehrburg zur Hauptresidenz
Die Anfänge liegen im Mittelalter. Nach der Stadterhebung Düsseldorfs im Jahr 1288 sicherten sich die bergischen Landesherren ihren Zugang zum Rhein zunächst mit einem einfachen Wehrturm. Urkundlich fassbar wird die Burg im Jahr 1386. Im 16. Jahrhundert entschieden sich dann die Herzöge von Jülich-Kleve-Berg für Düsseldorf als Hauptresidenz. Unter Wilhelm dem Reichen wurde die Anlage von italienischen Architekten zu einer repräsentativen Dreiflügelanlage mit geschlossenem Innenhof umgebaut. In dieser Phase entstand der nordöstliche runde Eckturm, den wir heute als Schlossturm kennen.
Warum ausgerechnet der Turm überlebte
Die Geschichte des Schlosses ist eine Geschichte von Zerstörung und Wiederaufbau. Kriegseinwirkung, Brände, erneuter Aufbau, wieder Feuer. Im März 1872 brannte das Schloss endgültig aus und wurde in der Folge abgetragen. Nur der runde Turm blieb stehen. 1943 brannte er nach einem Luftangriff ein letztes Mal aus. Dass er heute noch steht, ist kein Zufall der Statik, sondern das Ergebnis von Bürgerengagement: Für Restaurierung und Wiedernutzung spendeten Firmen und Privatleute über zwei Millionen D-Mark. Als der Stadtrat 1980 vor einer Finanzierungslücke stand, spendeten die damals 83 Ratsmitglieder kurzerhand ihr Sitzungsgeld als Grundstock der "Aktion Schlossturm". Eine Stadt hat ihr Wahrzeichen selbst gerettet. Für einen Serviceclub wie den Lions Club Düsseldorf Barbarossa, dessen gesamtes Selbstverständnis auf genau diesem Gedanken beruht, ist das mehr als eine Fußnote.
Das SchifffahrtMuseum: eine der ältesten Rheinsammlungen Deutschlands
Seit Januar 1984 beherbergt der Turm das SchifffahrtMuseum. Die Sammlung selbst ist deutlich älter: Ende der 1920er Jahre hatte der Düsseldorfer Hafendirektor Heinrich Etterich die Idee zu einer Ausstellung über Hafen und Handelsplatz Düsseldorf. Gemeinsam mit dem Leiter des Stadtgeschichtlichen Museums, Dr. Hans Brückner, entstand ab 1931 eine der ältesten Sammlungen zur Geschichte der Rheinschifffahrt überhaupt. Der Zweite Weltkrieg schickte sie in die Magazine, aus denen sie erst mit der Restaurierung des Schlossturms wieder auftauchte.
Sieben Etagen, ein Fluss, kein Staub
Wer "Museum" hört und dabei an stille Vitrinen mit vergilbten Schildchen denkt, liegt hier grundlegend falsch. Seit der vollständigen Neukonzeption im Jahr 2015 präsentiert sich das Haus unter dem Motto "Den Rhein erleben" auf sieben Etagen und rund 360 Quadratmetern: vom historischen Gewölbekeller aus dem 16. Jahrhundert bis hinauf in das Aussichtsgeschoss, die sogenannte Laterne. Themen sind der Naturraum und das Wirtschaftssystem Rhein, die Schiffbaugeschichte vom Einbaum bis zum Dampfschlepper, die Entwicklung der Düsseldorfer Häfen sowie Handel und Reisen auf dem Fluss. Schiffsmodelle ziehen sich als roter Faden durch das Haus, darunter ein vier Meter langes Floßmodell. Dazu kommen interaktive Stationen, an denen man ein Containerschiff vor Düsseldorf anlegen darf, ohne dass es teuer wird. Bis zu 50.000 Besucherinnen und Besucher kommen jährlich. Das Museum wird von der Landeshauptstadt Düsseldorf getragen und seit über 70 Jahren vom gemeinnützigen Verein Freunde und Förderer des SchifffahrtMuseums im Schlossturm e. V. unterstützt. Alle Details zu Ausstellung, Öffnungszeiten und Programm finden sich auf der Seite des SchifffahrtMuseums Düsseldorf.
Ein Museumsleiter, der erzählen kann

Den entscheidenden Unterschied zwischen einer Ausstellung und einem Erlebnis macht selten die Vitrine, sondern fast immer der Mensch davor. Durch den Abend führte Dr. Markus Todoric, der Leiter des SchifffahrtMuseums. Er referierte nicht, er nahm mit. Wer erlebt hat, wie jemand aus Zollstationen, Treidelpfaden und Stapelrechten eine spannende Geschichte formt, versteht, warum die Lions-Freunde an diesem Abend keine Uhr brauchten.
Als die Flüsse die Autobahnen Europas waren
Es braucht heute einiges an Vorstellungskraft, um sich in die Zeit zurückzuversetzen, die im SchifffahrtMuseum im Mittelpunkt steht: das späte Mittelalter und die beginnende Neuzeit. Keine Eisenbahn. Keine Flugzeuge. Und ein Straßennetz, das den Namen kaum verdiente und dessen Nutzung vor allem eines war: beschwerlich. Das Leben fand an den großen Strömen statt. Die Natur hatte die Verkehrswege geschaffen, und deren Verlauf entschied darüber, welche Gegend, welches Land und welche Stadt erreichbar war und welche nicht.
Der Rhein als Pulsader Europas
Der Rhein spielt dabei eine Sonderrolle. Er verbindet die Alpen mit der Nordsee, berührt mehrere Staaten und in früheren Jahrhunderten eine kaum überschaubare Zahl kleiner Fürstentümer. Gleichzeitig ist er romantischer Sehnsuchtsort. Man denke nur an die vielbesungene Loreley. Wo ein Fluss Handel ermöglicht, entstehen Häfen, Zollstationen und Umschlagplätze. Und diese Institutionen am Ufer entschieden über Wohlstand und Reichtum oft winziger Territorien.
Köln, das Stapelrecht und die Kunst, Zölle zu erheben
Ein Musterbeispiel ist Köln. Die Stadt lag am Schnittpunkt von Nieder- und Mittelrhein und sicherte sich im Jahr 1259 das Stapelrecht. Die Regel war so einfach wie wirkungsvoll: Alle passierenden Schiffe mussten anhalten und ihre Waren zunächst auf dem Kölner Markt anbieten. Der Weitertransport durfte anschließend nur durch Kölner Fuhrleute und Schiffer erfolgen. Für schwere Güter und Massengüter gab es zum Schiff schlicht keine Alternative, weshalb die Landesherren am Rhein außerordentlich erfinderisch beim Erheben von Zöllen waren. Fairerweise gehört dazu: Ursprünglich wurden mit diesen Abgaben häufig die Uferpfade instandgehalten, ohne die Schifffahrt flussaufwärts überhaupt nicht funktioniert hätte.
Treideln: Der mühsame Weg stromauf
Flussabwärts erledigte die Strömung die Arbeit. Flussaufwärts nicht. Kräftige Pferdegespanne zogen die Schiffe vom Ufer aus rheinaufwärts. Dieses Treideln war eine eigene Kunst mit eigenen Fachkräften und einem Netz von Versorgungsstationen. Auch diese Technik entwickelte sich weiter, und mit ihr wuchsen die Transporteinheiten. Vor allem die Flöße erreichten schließlich Ausmaße, die man sich heute kaum vorstellen mag: Für die großen Holländerflöße sind Längen von mehreren hundert Metern überliefert. Auf ihnen lebten Menschen mit ihrem Vieh tagelang, während das Holz rheinabwärts in die Niederlande schwamm. Ein schwimmendes Dorf, unterwegs auf dem Wasser.
Vom Dampfschiff zum Tourismus: Wie der Rhein zum Reiseziel wurde
Das nächste Kapitel, das Dr. Todoric aufschlug, ist die Geburtsstunde des Rhein-Tourismus. Möglich wurde sie durch die Dampfschiffe, die den Reisenden erstmals Bequemlichkeit boten. Die deutschen Dampfschifffahrtsgesellschaften legten dabei ausdrücklich Wert auf ein gewisses Maß an Luxus und setzten sich damit von den niederländischen Angeboten ab.

Geprägt wurde der neue Typus des Reisenden vor allem von den Engländern. Das aufstrebende Bürgertum suchte Ziele für die Bildungsreise und fand sie in der romantischen Rheinlandschaft. Über weite Strecken des 19. Jahrhunderts stellten englische Gäste einen erheblichen Teil der Passagiere auf den Rheinschiffen. Das Geschäft boomte, Gesellschaften entstanden in Köln und in Düsseldorf, und irgendwann wuchs die Einsicht, dass man gemeinsam besser gerüstet ist als gegeneinander.
200 Jahre KD: Die Sonderausstellung im Schlossturm
Aus der Preußisch-Rheinischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft in Köln und der Dampfschifffahrtsgesellschaft für den Nieder- und Mittelrhein in Düsseldorf wurde 1853 eine Betriebsgemeinschaft. Eigenständige Unternehmen blieben beide noch lange, bis sie 1967 zur Köln-Düsseldorfer verschmolzen. Wer den Besuch nachholen möchte, hat Glück: Anlässlich des 200-jährigen Bestehens zeigt das SchifffahrtMuseum die Sonderausstellung "200 Jahre KD - Geschichten, Gesichter, Geheimnisse", die in Kooperation mit der Köln-Düsseldorfer Deutsche Rheinschiffahrt GmbH und dem Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsarchiv zu Köln entstanden ist. Sie läuft noch bis zum 25. Oktober 2026 und enthält sogar eine Buchstaben-Schnitzeljagd durch das Haus. Zwei ehemalige Konkurrenten, die zu einer gemeinsamen Erfolgsgeschichte wurden: Auch das ist eine Lions-taugliche Botschaft.
Der Rhein von oben: Ein Blick, den es so nie wieder gibt
Und dann war da noch dieser Ausblick. Im Aussichtsgeschoss des Schlossturms, der Laterne, öffnet sich ein Rundblick über den Rhein, die Rheinuferpromenade, die Altstadt und die vorbeiziehenden Schiffe. An diesem Abend war der Blick ein anderer als sonst. Der Pegel Düsseldorf lag Anfang und Mitte August 2026 im einstelligen bis niedrigen zweistelligen Zentimeterbereich und rutschte wenige Tage nach dem Clubbesuch erstmals seit Beginn der Messungen sogar in den negativen Bereich. Wichtig zur Einordnung, weil es gern missverstanden wird: Der Pegelstand misst die Wasserhöhe relativ zu einem festgelegten Nullpunkt am Ufer und nicht die Tiefe der Fahrrinne. Trotzdem blieb die Lage für die Binnenschifffahrt dramatisch, Frachter fuhren teils nur mit einem Bruchteil ihrer Ladung. Aktuelle Werte lassen sich jederzeit über den Pegel Düsseldorf bei ELWIS abrufen.
Ein Museum über das Wirtschaftssystem Rhein zu besuchen, während vor dem Fenster genau dieses Wirtschaftssystem an seine Grenzen stößt, ist Geschichtsunterricht in Echtzeit. Die Exponate erzählen von Hochwasser und Eisgang. Die Realität lieferte an diesem Abend das Gegenteil. Und plötzlich ist ein 500 Jahre altes Thema erschreckend aktuell.
Ausklang auf der Terrasse: Wo Clubleben wirklich stattfindet
Wer kennt es nicht, das typische Brauhaus direkt neben dem Schlossturm. Nach der Führung versammelten sich die Lions-Freundinnen und Lions-Freunde an einem schönen langen Tisch auf der Terrasse des Brauhauses Im Goldenen Ring am Burgplatz. Ein guter Ausklang eines gemeinsamen Besuchs, der sich so gar nicht nach einem öden Museum angefühlt hatte, sondern unterhaltsam und lehrreich unseren ewig jungen Rhein in den Mittelpunkt gestellt hatte.
Und hier passiert das, was sich in keinem Programmheft ankündigen lässt. Zwischen Altbier, Sommerabend und der Frage, wie lange man wohl auf einem 400 Meter langen Floß mit einer Kuh auskommen würde, entsteht das, was den Kern eines Clubs ausmacht: Vertrauen. Menschen, die sich gut kennen, helfen gemeinsam besser. Genau deshalb ist das Clubleben beim Lions Club Düsseldorf Barbarossa keine Freizeitbeschäftigung neben der eigentlichen Arbeit, sondern deren Fundament.
Warum ein Serviceclub ins Museum geht
Die berechtigte Frage lautet: Was hat eine Museumsführung mit Wohltätigkeit zu tun? Die Antwort steckt im Lions-Motto Treffen, Helfen, Lernen.
Treffen und Lernen als Voraussetzung für das Helfen
Ein Club, der sich nur zum Spendensammeln trifft, verliert Menschen. Ein Club, der gemeinsam etwas erlebt, hält sie. Die Activities des Lions Club Düsseldorf Barbarossa zugunsten von Kindern in prekären Lebenssituationen erfordern Zeit, Geld, Organisationskraft und Beharrlichkeit. Diese Energie entsteht nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Zusammenhalt. Wer gemeinsam im Gewölbekeller eines Renaissanceturms steht, arbeitet später auch gemeinsam an einem Benefizprojekt.
Der Präsident als Gastgeber
Bemerkenswert ist, wie dieser Abend zustande kam. Er stand in keinem Standardprogramm, sondern ging auf die persönliche Initiative des amtierenden Präsidenten Josef Nagel zurück, der das Lions-Jahr 2026/2027 anführt. Genau so funktioniert dieser Club: Jemand hat eine Idee, greift zum Telefon, organisiert eine individuelle Führung außerhalb des öffentlichen Programms und schenkt seinen Clubfreunden damit einen Abend, den sie so nirgends buchen können. Diese Freiheit, aus eigener kreativer Initiative etwas Besonderes auf die Beine zu stellen, ist einer der unterschätztesten Vorzüge einer Lions-Mitgliedschaft.
Das Privileg des kleinen Kreises
Individuelle Führungen sind im SchifffahrtMuseum nach Absprache und Voranmeldung möglich. Der Unterschied zur Sonntagsführung liegt nicht im Eintrittspreis, sondern in der Atmosphäre: eine überschaubare Gruppe, der Museumsleiter persönlich, Zeit für Nachfragen und am Ende ein Aussichtsgeschoss, in dem man nicht um den besten Platz am Fenster kämpfen muss. Das ist der Moment, in dem strahlende Erwachsene aussehen wie Kinder an Weihnachten. Und es ist der Moment, in dem man als Mitglied denkt: Gut, dass ich dabei bin.
Sie möchten dabei sein?
Der Lions Club Düsseldorf Barbarossa ist ein gemeinnütziger Serviceclub in Düsseldorf, der sich vor allem für Kinder einsetzt, die es im Leben schwerer haben als andere. Dazu gehören Spendenaktionen und Activities ebenso wie Vorträge, Reisen und Abende wie dieser. Wer neugierig geworden ist, ob als potenzielles Mitglied, als Förderer oder als Unterstützer einer einzelnen Aktion, findet den Weg zu uns über die Kontaktseite auf lions-barbarossa.de. Ein unverbindliches Kennenlernen ist ausdrücklich erwünscht. Denn Helfen macht mehr Freude, wenn man es gemeinsam tut. We serve.
Der Text basiert auf einem Bericht von Helmut Bienfuss, PR-Beauftragter des Lions Club Düsseldorf Barbarossa, und wurde um recherchierte Hintergründe zu Schlossturm, SchifffahrtMuseum und Rheinschifffahrt ergänzt.


